Ein Dorf wird zur Zeitmaschine

Grundsteinheim feiert 975-jähriges Bestehen mit Ausflug in die Vergangenheit

Von Hanne Hagelgans
Quelle: Westfalen Blatt

Grundsteinheim (WB). Häubchen und Knickerbocker, Trecker-Veteranen und Omas Kochgeschirr waren in den vergangenen Wochen und Monaten in Grundsteinheim gesucht wie nie. Die akribische, detailbesessene Vorbereitung aufs Dorfjubiläum hat sich vollauf bezahlt gemacht.

Zum 975-jährigen Bestehen ihres Ortes luden die Grundsteinheimer ein zu einer Reise in die 1920er Jahre. Und die machte richtig Spaß. An allen Ecken und Enden im Dorf, auf Plätzen, in Deelen und in der Alten Schule gab es an liebevoll gestalteten Ständen etwas zu entdecken. Wer genau hinschaute, konnte dabei rasch auf den Gedanken kommen, dass die »gute alte Zeit« vielleicht beschaulicher als die heutige, aber auch in vielerlei Hinsicht anstrengender war.

Wäsche rein in die Maschine, raus aus der Maschine und ab in den Trockner – davon konnten Hausfrauen lange nur träumen. Wie aufwändig die »große Wäsche« vor noch gar nicht allzu langer Zeit war, zeigte beispielsweise die Handarbeitsrunde »Flinke Finger«. Schon lange vor dem Fest hatten die fünf Damen ihrem Namen alle Ehre gemacht und zahlreich Strick-, Stick und Häkelarbeiten angefertigt, die sie in ihrer gemütlichen Deele bei Kaffee und Kuchen zum Kauf anboten.

Damit ein Schnitzel auf dem Teller liegt, muss ein Schwein sterben: Diese Tatsache, die in Zeiten der Supermarkt-Kühltheken fast in Vergessenheit zu geraten droht, erfüllten Metzgermeister Christian Geilhorn und sein Team ganz anschaulich mit Leben.

In einem großen Kessel kochte die Brühe vor sich hin (der Geruch – naja,Geschmackssache...) und auch was sonst noch von der Schlachtaktion übrigbleibt, die früher eine ganze Hofgemeinschaft zweit Tage lang auf Trab hielt, konnte angeschaut werden. »Es wurde möglichst nichts weggeworfen«, erläutert Geilhorn. Därme und Blasen wurden mit Wurstmasse gefüllt, Rippen und Brühe eingekocht, das Blut zu Blutwurst verarbeitet. Schließlich war das Geld in vielen Bauernfamilien knapp und die Vorräte sollten für den ganzen Winter ausreichen.

»Natürlich war das Schlachten auch ein Fest«, erzählt Claudia Keiter (geborene Tölle), die das in ihrer Kindheit noch selbst miterlebt hat. Die ersten Ergebnisse wurden probiert (Claudia Keiter: »Besonders heiß begehrt war bei manchen das Schwänzchen des Schweins«) und auch der »Klare« floss großzügig.

Das tat er sicherlich auch bei den Dorfhochzeiten. Eine solche stellten die Grundsteinheimer ebenfalls nach – ganz stilecht mit einem prächtigen Aussteuerwagen, dem rollenden Statussymbol, auf dem die Braut Wäsche, Geschirr und vieles mehr mit in ihr neues Zuhause nahm. Geheiratet wurde damals übrigens nicht wie heute im weißen Kleid, sondern in Schwarz, nur mit weißem Schleier.