Weizenernte mit Sense und Binder

Grundsteinheimer und Gäste zeigen Kornmähen wie zur Zeit der Großeltern / Auftakt zum Dorfjubiläum am 20. August

VON SIMONE FLÖRKE
Quelle: Neue Westfälische

Lichtenau-Grundsteinheim. Reinhold Rücker holt kurz mit der Sense aus. Ein Schnitt – und schon fallen die Weizenhalme vor ihm aufs Feld. Leicht und locker sieht es aus, wenn der 80-Jährige bei der Getreideernte die Sense schwingt. "Das habe ich im Alter von zwölf Jahren auf unserem Hof in Niederschlesien gelernt", berichtet der Kleinenberger und setzt auf Technik statt Kraft. "Wir haben ganze Felder von Hand gemäht. Das verlernt man nicht." Gern habe er die Arbeit gemacht, erinnert er sich an den 120-Morgen-Hof, den die Familie 1946 bei der Flucht zurücklassen musste.

Aber auch echte Knochenarbeit, die Ernte. Und ganz viel Handarbeit. Das zeigen die Grundsteinheimer ihren zahlreichen Gästen beim historischen Kornmähen mit Sense und Binder auf dem 1,5 Morgen großen Weizenfeld hinter der Siedlung Auf dem Kleefeld. Dabei sind viele Familien und viele Kinder. Es ist der Auftakt für die Jubiläumsfeierlichkeiten am 20. August (siehe Info-Kasten), wenn das geerntete Getreide auf dem Hof von Josef Freitag gegenüber der Kirche mit dem Dreschkasten gedroschen werden soll.

Ein banger Blick der historisch gekleideten Erntehelfer – die Frauen in langen Röcken mit Schürzen und Kopftüchern, die Männer mit Strohhüten, karierten Hemden und Hosenträgern – geht gen Himmel, wo dunkle Wolken Böses ahnen lassen. Hält das Wetter? Diese Sorge gibt es noch heute bei der Ernte. Aber die modernen Mähdrescher haben nichts mehr mit dem Mähbalken mit Handablage oder dem Mähbinder von 1948 zu tun, die Martin Seifert und Ulrich Vogt aus Herbram in Aktion vorführen. Obwohl diese historischen Maschinen im Vergleich zur Sense schon ein enormer Fortschritt waren.

Einen Morgen Getreide abernten, dass schafft der Mähbinder der Marke Fahr in zwei Stunden: Seifert restaurierte das Gerät, das von einem Deutz-Schlepper Baujahr 1955 mit 15 PS gezogen wird, im Jahr 2000. "Es gibt großes Interesse in der Region an diesen alten landwirtschaftlichen Gerätschaften", sagte der Herbramer. Sein Kumpel Ulrich Vogt ergänzt, dass die heutige Technik vor allem von der Elektronik bestimmt sei. Mit einem Schmunzeln blickt er dann auf den Binder: "Dafür reichen ein dicker Hammer, ein Schraubenzieher und eine Zange."

"Das habe ich vor 60 Jahren noch so gemacht– doppelt nehmen und drehen", erinnert sich Elisabeth Willeke, die in ihrer Sonntagskleidung beim Binden der Ähren mit anpackt: Die 71-Jährige hat den Dreh mit dem Einbinden der Garben in ein Geflecht aus Halmen immer noch drauf. Zwei Halmbüschel dreht sie ruckzuck zu einem Seil zusammen, dann kommt das Korn rein, festgebunden und ab auf den Haufen. "Zehn Garben wurden zusammengestellt, die Ähren nach oben. Eine oder zwei kamen oben drauf als Wetterschutz. Und dann blieb das zum Trocknen auf dem Feld stehen", berichtet Ortsvorsteher Willi Hölscher (56), der als Jugendlicher noch auf den Feldern die Garben aufrichtete und bedauert, dass immer weniger die Handgriffe von damals beherrschen. Weiteres Manko heute: "Die Getreidehalme sind nur noch halb so lang wie damals. Es wird nun Getreide angebaut, das einen kürzeren Halm hat – wohl auch, damit es sich bei Gewitter nicht so schnell umlegt." Deshalb binden alle anderen Erntehelfer die Garben nicht mit Korn, sondern mit Seilen zusammen. So wie Josef Rebbe und Margret Freitag, die kräftig mit anpacken: "Habe ich noch nie vorher gemacht", gibt Rebbe zu. Er ist zu jung. Hölscher nebenan schwitzt und lächelt zufrieden: "Wir können das doch wie zu alten Zeiten."

Ab in die 1920er Jahre

"1036 – 2011 Gemeinsam Altes aufleben lassen": Unter dieser Überschrift steht das 975-jährige Dorfjubiläum, das die Grundsteinheimer am Samstag, 20. August, feiern wollen. Sie laden dabei zu einer Zeitreise in die 1920er Jahre ein und stellen an Stationen im Dorf das dörfliche Leben und die alltägliche Arbeit in dieser Zeit nach: Unterricht wie früher in der Alten Volksschule, einen historischen Feuerwehr-Einsatz, Handarbeiten, Hausschlachtung, ein historisches Sägewerk, einen Kolonialwarenladen, Korbflechter, das historische Schützenwesen, alte Landmaschinen, Tiere des Hofes, Imkerei, Schmiede, das Landfrauen-Café, eine Hochzeitsgesellschaft inklusive Trauung und natürlich die Ernte wie früher. Beginn ist um 9.30 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst auf dem Platz vor dem Ehrenmal. Schirmherr ist Landrat Manfred Müller. Willi Hölscher hofft auf 1.000 bis 3.000 Gäste an diesem Tag im 440 Einwohner zählenden Dorf. Er ist begeistert von der Resonanz bei der Vorbereitung des Jubiläums, die schon vor zwei Jahren begann: "Eine Super-Beteiligung mit weit mehr als 100 Akteuren."